Zwischen Industriegeschichte und Energiewende – Der Bachelorstudiengang Materialwissenschaft auf Exkursion im Saarland
Früh am Morgen startete die Exkursion des Studiengangs Materialwissenschaft am Campus Vaihingen. Mit dem Bus ging es gemeinsam ins Saarland. Schon auf der Fahrt war die Vorfreude spürbar, denn das Programm, das Prof. Clemens geplant hatte, versprach eine spannende Mischung aus Industriegeschichte, moderner Technik und Einblicken in die Zukunft der Energieversorgung.
Der erste Stopp führte zum UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Zwischen gewaltigen Hochöfen und weitläufigen Industrieanlagen wurde schnell klar, welche Dimensionen die Stahlproduktion früher hatte. In einer Tour durch die „X-Ray“-Ausstellung wurden die Entdeckung und die frühen Anwendungen der damals noch mysteriösen Röntgenstrahlung anschaulich in Form von Kunst, Karikaturen und historischen Röntgenbildern dargestellt. Der Einblick in Anwendungsgebiete fernab der Röntgenbeugung im materialwissenschaftlichen Alltag – etwa in der Medizin, der Arbeitssicherheit und auch in teils erschreckenden Praktiken während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges – war sehr spannend und zeigte sowohl die positiven als auch die Schattenseiten wissenschaftlicher Entdeckungen.
Am Nachmittag ging es dann weiter mit der Besichtigung der alten Produktionsanlagen. Die eindrucksvollen Backstein- und Stahlkonstruktionen ließen erahnen, unter welchen Bedingungen hier gearbeitet wurde. Neben den einzelnen Schritten der Stahlproduktion wurden den Studierenden auch die Auswirkungen der Stahlproduktion auf die Region und den Alltag der Menschen sowie die Zeit unter der NS-Diktatur, in der Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, nähergebracht.
Nach den vielen Eindrücken ging es weiter nach Saarbrücken. Dort blieb neben dem fachlichen Programm auch Zeit für das Miteinander: Ob bei einer freiwilligen Joggingrunde über den Campus der Universität des Saarlandes oder beim gemeinsamen Erkunden der Stadt mit anschließender Bar-Tour und Karaoke – der Austausch untereinander kam definitiv nicht zu kurz.
Am nächsten Tag rückten Gegenwart und Zukunft in den Fokus. Bei der Besichtigung der Dillinger Hütte erlebten die Teilnehmenden die aktuelle Stahlproduktion aus nächster Nähe. Die Größe der Anlagen, das Glühen des Metalls und die spürbare Hitze machten den Prozess besonders eindrucksvoll. Im Vergleich zum Vortag wurde deutlich, wie sehr sich die Industrie weiterentwickelt hat. Die Dimensionen der Maschinen waren nochmals deutlich größer; selbst einfache Schrauben hatten Ausmaße, die größer waren als man selbst. Das Abgießen der Schlacke wirkte schon aus der Ferne beeindruckend, doch die tatsächlichen Dimensionen wurden erst klar, als man später in unmittelbarer Nähe an den mehrere Meter hohen Tiegeln vorbeilief und wahrnahm, wie enorm groß hier alles ist und wie mühelos die Maschinen diese Massen aus massivem Stahl bewegen.
Auch der Energieaufwand, der für die Stahlproduktion erforderlich ist, wurde deutlich. Die Hitze, die von den frisch gewalzten, rotglühenden Stahlblöcken ausging, war selbst aus 30 Metern Entfernung noch deutlich auf der Haut zu spüren. Die gesamte Besichtigung grenzte im positiven an eine Reizüberflutung – insbesondere, wenn man sonst nur den Labormaßstab gewohnt ist. Auch der Wandel, den die Stahlindustrie derzeit durchläuft, wurde anhand der riesigen Baufläche sichtbar, auf der aktuell eine Produktionsstätte mit Wasserstoff als Energiequelle entsteht.
Zum Abschluss ging es zur VENSYS Energy AG und damit direkt in die Welt der erneuerbaren Energien. Neben einer Führung durch die Produktionshallen bot ein Vortrag spannende Einblicke in die Technik und das Management von Windkraftanlagen sowie in die Rolle der erneuerbaren Energien, Klimakonzepte und die aktuelle Klimapolitik. Dass auch in diesem Bereich die Materialwissenschaft ein entscheidender Faktor ist, wurde besonders bei dem Versuch deutlich, einen Magneten – wie er in modernen Windradgeneratoren verbaut ist – von einem Stahlträger zu lösen, woran selbst die trainiertesten Materialwissenschaftler scheiterten.
Mit vielen neuen Eindrücken und spannenden Gesprächen mit Persönlichkeiten, die tagtäglich Materialwissenschaft praktizieren, ging es schließlich zurück nach Stuttgart.